„Viele müssen um ihre Existenz kämpfen“

Das Krankengeld sichert Langzeitpatienten ab – Doch Verbraucherschützer warnen: Kassen wollen Bezieher oft aus der Leistung drängen

Von Heike Stüben, Kieler Nachrichten, Mittwoch, 29. Januar 2020

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Ratgeber in Sachen Krankengeld: Christian Schultz, Referent beim Sozialverband, hat ein Buch über die Tücken bei der Leistung für Langzeitpatienten geschrieben.

Kiel. Krebs, Depressionen, Schlaganfall: Oft bedeuten diese Krankheiten langwierige Behandlungen und damit lange Ausfallzeiten im Beruf. Doch nicht nur das. „Häufig müssen die Patienten auch um ihre Existenz kämpfen“, kritisiert Christian Schultz, Sozialreferent beim Sozialverband Deutschland (SOVD) in Schleswig-Holstein. Die Betroffenen müssten die Krankheit bewältigen, aber sich oft zugleich auch gegen die Krankenkasse wehren.

Das Problem wird immer größer. Denn Langzeiterkrankungen nehmen zu. Allein in Schleswig-Holstein werden jährlich rund 19 500 neue Krebsfälle diagnostiziert. Dazu kommen psychische Erkrankungen, Schlaganfälle und Herzinfarkte, schwere Muskel-Skelett-Erkrankungen. Häufig können die Betroffenen dadurch für lange Zeit nicht mehr arbeiten.

Dabei ist man in Deutschland eigentlich gut als gesetzlich Versicherter abgesichert. Der Arbeitgeber zahlt sechs Wochen lang Lohn oder Gehalt weiter. Danach übernimmt die Krankenkasse und zahlt bis zu 72 Wochen lang Krankengeld: 70 Prozent des letzten Brutto-, aber maximal 90 Prozent des letzten Nettoverdienstes.

Was viele aber nicht wissen: Für ein und dieselbe Erkrankung hat man nur einmal in drei Jahren Anspruch auf Krankengeld. „Vor allem aber erleben wir in der Sozialberatung immer wieder, dass Patienten von der Krankenkasse und auch von der Arbeitsagentur gedrängt und falsch oder unvollständig informiert werden. Dann machen sie Fehler, die sie ihre Existenz kosten kann“, sagt Schultz.

Seinen Angaben zufolge werden Krankengeldbezieher in vielen Fällen von den Krankenkassen angerufen. „Das wird dann Beratungsgespräch genannt. Zuerst erkundigt man sich freundlich nach dem Befinden. Beim zweiten oder dritten Anruf wird dann gefragt, wann man denn wieder arbeiten will“, schildert Schultz. Die Betroffenen würden von subtilem Druck berichten. Wenn sie darauf verweisen, dass ihr Arzt sie doch weiterhin für arbeitsunfähig hält, werde oft die nächste Stufe gezündet: In einem Schreiben wird mitgeteilt, der Medizinische Dienst der Krankenversicherung MDK sei zum Ergebnis gekommen, dass der Versicherte zum Termin XY wieder arbeiten könne. „Meist passiert das nach Aktenlage, also ohne dass die MDK-Ärzte den Patienten selbst jemals gesehen haben“, sagt Schultz.

In dieser Situation würden Betroffene immer wieder einen entscheidenden Fehler machen und nicht sofort Widerspruch einlegen. „Damit verlieren sie zum Datum XY ihren Anspruch auf Krankengeld.“ Auch bei der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) bestätigt man, dass einige Krankenkassen ihre Versicherten – darunter auffällig viele Personen mit psychischen Beschwerden – unter Druck setzen mit dem Ziel, die Betroffenen zur Beendigung des Krankengeldbezugs zu bewegen.

Die Verbraucherzentrale Hamburg registriert ebenfalls mehr Beschwerden von Krankengeldempfängern, die scheinbare Kontrollanrufe von Krankenkassen erhalten. Die Verbraucher würden berichten, dass Kassenmitarbeiter teils aggressiv auftreten, die Versicherten regelrecht in die Mangel nehmen und unter Verweis auf Mitwirkungspflichten die Herausgabe sensibler Informationen verlangen. Die Verbraucherzentrale weist allerdings darauf hin, dass Patienten am Telefon nicht zur Auskunft verpflichtet sind und nicht für ihre Kasse telefonisch erreichbar sein müssen. „Wir raten Betroffenen daher, der Krankenkasse mitzuteilen, dass man alle notwendigen Fragen gerne schriftlich beantwortet.“

Doch beim Sozialverband hat man noch eine weitere Methode erlebt. Zwei Betroffene hatten eine Diagnose bekommen, bei der klar war, dass sie längere Zeit am Arbeitsplatz ausfallen würden. „Die Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber lief zu dem Zeitpunkt noch. Doch die Krankenkassen sahen offenbar an der Diagnoseziffer, dass sie anschließend Krankengeld würden zahlen müssen. Die Patienten wurden angerufen, und es wurde ihnen explizit geraten, ihre Arbeitsstelle zu kündigen und sich beim Arbeitsamt zu melden. Begründung: Dann bekämen sie ja Arbeitslosengeld.

Das stimmt zwar, doch erstens müssen sie erst einmal eine Sperrzeit überbrücken, zweitens läuft das Arbeitslosengeld irgendwann aus – meist nach 18 Monaten, bei Älteren nach 24 Monaten. Dann sind die Betroffenen ihre Arbeit los, vielleicht immer noch krank, und es bleibt allenfalls die Grundsicherung. Der Sozialverband rät deshalb dringend von einer Kündigung ab. „Das A und O bei längerer Krankheit ist: Suchen Sie sich Hilfe bei den Beratungsstellen wie vom VDK oder Sozialverband oder bei einem Fachanwalt“, sagt Schultz. Um Kranken in dieser Situation zu helfen, hat der Kieler die wichtigsten Regeln in einem Buch kompakt zusammengefasst.

Das Buch „Am Ende vom Krankengeld“ kann man für 2,99 Euro im Internet herunterladen oder als Paperback für 6,99 Euro beziehen. ISBN: 978-1690910404

Januar 30, 2020

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